Heilige Schriften

Das Alte Testament und der jüdische Tanach

weibliche Hand auf dem Buch der Psalmen

Eine gemeinsame Quelle – verschiedene Lesarten

Bild: kelly sikkema/unsplash

Für Christinnen und Christen gibt es die Bibel nur als Altes und Neues Testament zusammen. Aber auch die jüdische Lesart des Tanach hat uns etwas zu sagen.

Für Christinnen und Christen kann es die Bibel nur ganz geben: Da ist der erste Teil mit den Schriften, auf die sich Jesus und seine Anhängerinnen und Anhänger berufen haben und auf die sich auch jüdische Menschen bis heute berufen. Und da ist der zweite Teil mit den Schriften, die vom Juden Jesus erzählen und die von den Erfahrungen derer berichten, die seinem Ruf zum Gott Israels gefolgt sind.

Ein alttestamentlicher Text erweist sich nicht erst dann als wahr, wenn ein Christ oder eine Christin in ihm ein Vorzeichen für Jesus und das Evangelium aufscheinen sieht. Es ist eigentlich umgekehrt: So erinnert der große jüdische Gelehrte und Theresienstadt-Überlebende Leo Baeck daran, dass das Neue Testament für uns Christinnen und Christen sprachlos und hoffnungslos bleibt ohne das Alte Testament. Dieses Fundament ist unverzichtbar, denn hier erfahren wir, wie wir von Gott reden können, wie von dieser Welt, wie von der Menschheit und wie vom Volk Gottes. In Jesu Namen hören wir die Botschaften des Alten Testaments an das biblische Israel mit. In Jesu Namen hoffen wir mit Jüdinnen und Juden heute mit. In Jesu Namen lassen wir uns genau wie sie vom Reichtum der Schrift inspirieren und Orientierung geben.

Ist das Alte Testament weniger wichtig als das Neue?

Nicht wenige Menschen haben Vorbehalte gegen das Alte Testament und meinen, erst das Neue Testament hätte die Liebe und Barmherzigkeit Gottes und das Gebot der Nächstenliebe erfunden. In Wahrheit stammt all das und noch viel mehr aus dem Alten Testament und das Neue bezieht sich genau darauf.

Manche empfinden es als überholt, dass im Alten Testament über Kriege und Gewalt erzählt. Befremdlich finden sie auch, dass es über Rache und Vergeltung oder den Zorn Gottes spricht. All das stellt das Neue Testament keineswegs in Frage. Auch dort gibt es nicht wenige Stellen, die heute vielleicht anstößig klingen. Auch dort ist es ganz selbstverständlich, von Rache, vom Zorn und vom Gericht Gottes zu sprechen. Nicht zuletzt dreht sich die zentrale Botschaft der Schriften des Neuen Testaments um einen grausamen Justizmord, also um massive Gewalt. Doch Neues und Altes Testament setzen den Gewalterfahrungen eine andere Wirklichkeit entgegen, die verschiedenste Menschen in ihrem Leben erfahren haben. In gleicher Weise bringen sie diese Wirklichkeit mit dem Willen Gottes für diese Welt in Verbindung. Und in gleicher Weise leiten sie daraus Hoffnung und Verpflichtung gleichermaßen ab. In beiden Teilen gibt es Aussagen und Erzählungen, die heute irritieren und nur schwer zugänglich sind. In beiden Teilen gibt es Aussagen und Erzählungen, die Trost geben und Orientierung stiften.

Lesen jüdische Menschen dasselbe, was Christinnen und Christen Altes Testament nennen?

Die Kirchen der Reformation zählen dieselben Bücher zu ihrem Alten Testament, die im Judentum als Bibel gelten. Das Alte Testament hat vier Teile: Die fünf Bücher Mose als Lehrbücher, die Bücher Josua bis Esther als Geschichtsbücher, die Bücher Hiob (Ijob) bis Hoheslied Salomos als Weisheitsbücher und Psalmen, die Prophetenbücher. Besonders die Psalmen spielen seit alters eine wichtige Rolle im christlichen Gottesdienst. Ansonsten steht traditionell das Neue Testament im Vordergrund des Neuen Testaments, auch wenn Texte aus dem Alten Testament zunehmend an Bedeutung gewinnen. Mit der 2018 eingeführten neuen Lese- und Predigtordnung bekommen Abschnitte aus allen Teilen des Alten Testaments ein deutlich höheres Gewicht. Sie gelten nicht mehr nur als Hintergrund oder Kommentar zu den Evangelien, sondern ihre eigene Stimme und ihr Überschuss gegenüber dem Neuen sollen nun deutlicher zu hören sein als bisher.

Jüdinnen und Juden nennen ihre Bibel Tanach. Die Konsonanten „T“ – „N“ – „Ch“ stehen für die drei Teile der jüdischen Bibel: Tora, Nevi’im, Chetuvim. Der erste Teil sind die fünf Bücher Mose (Tora). Der zweite Teil, die Propheten (Nevi’im), reicht von Josua über das Zweite Buch der Könige (Vordere bzw. Frühere Propheten) und Jesaja bis Maleachi (Hintere bzw. Spätere Propheten). Im dritten Teil finden sich verschiedene Schriften (Chetuvim)von den Psalmen bis zum Zweiten Buch der Chronik. Nach jüdischem Verständnis legen die Propheten und die Schriften die fünf Bücher Mose als Herzstück der Bibel aus. Die fünf Bücher Mose werden in den jüdischen Sabbatgottesdiensten im Lauf eines jüdischen Jahres von Anfang bis Ende rezitiert.

Der Aufbau der Bücher in beiden Traditionen ist programmatisch: Das christliche Alte Testament endet mit der prophetischen Zukunftshoffnung auf die endzeitliche Rückkehr des Propheten Elia, der Mitglieder des Volks Israel zur Rückkehr zur Weisung Gottes ruft. (Mal 3,23f.) Der jüdische Tanach endet damit, dass der persische König Kyros öffentlich den Bau eines Tempels in Jerusalem ankündigt und die Menschen aus Juda zur Rückkehr aus dem babylonischen Exil auffordert. (2Chr 36,22f.)

Wenn Christinnen und Christen heute das Alte Testament lesen, sind sie immer mitgeprägt davon, die wie Autoren des Neuen Testaments ihre Bibel gedeutet haben und wie die christliche Tradition seitdem das Alte Testament verstanden hat.

Wenn Jüdinnen und Juden heute den Tanach lesen, sind sie immer mitgeprägt davon, wie die jüdischen Weisen in der rabbinischen Zeit (den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung) ihre Bibel gedeutet haben und wie die jüdische Tradition seitdem den Tanach verstanden hat.

Dabei gibt es etliche Gemeinsamkeiten, aber auch deutliche Unterschiede. Es geht nicht darum, wer recht hat, sondern darum, voneinander und miteinander zu lernen. Die verschiedenen Perspektiven und Lesarten machen den Reichtum des Schatzes aus, den unsere gemeinsame Bibel birgt. Deshalb bezeichnet die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland im Jahr 2015 „die jüdische Auslegung des Tenach“ in ihrer Kundgebung zum Reformationsjubiläum nicht nur als „legitime, sondern sogar notwendige Perspektive“ für die christliche Auslegung des Alten Testaments.


28.07.2020 / Axel Töllner