Engagement weltweit

Die Konzeption der Außenbeziehungen

Chor in Papua-Neuguinea

Geographisch liegen die Schwerpunkte bei den Partnerkirchen in Lateinamerika, Afrika, Papua-Neuguinea, Pazifik und Ostasien - hier im Bild ein Chor aus Papua-Neuguinea.

Bild: Jan-Philipp van Olfen

Kirchliche Beziehungen weltweit machen aufgeschlossen für das Ziel, in ökumenischer Gemeinschaft die gemeinsame Glaubensgeschichte zu teilen und Glaube, Hoffnung, Liebe für die ganze Welt zu bezeugen.

Im Jahr 2019 erschien die völlig überarbeitete Fassung der im Jahr 2006 erschienenen Konzeption der Außenbeziehungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Neben den Grundsätzen werden die 20 weltweiten Partnerschaften sowie die vielfältigen ökumenischen Beziehungen auf der lokalen, regionalen und weltweiten Ebene beschrieben. bayern-evangelisch sprach mit Kirchenrat Hans-Martin Gloël, veranwortlich für das Themenfeld Ökumene und Weltverantwortung über die Konzeption.

Warum pflegt die bayerische Landeskirche Außenbeziehungen?
Gloël: Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern ist ganz Kirche, aber sie ist nicht die ganze Kirche. Bereits in der Pfingstgeschichte wird deutlich, dass Kirche die Grenzen von Sprachen und Kulturen überschreitet und ein weltweites Netz spannt. Kirche ist wohl das älteste globale Unternehmen mit dem ältesten Logo, dem Kreuz. Das Selbstverständnis, eine weltweite Gemeinschaft zu sein, drückt sich auch im Grundsatzartikel unserer Kirchenverfassung aus, wo es über die Evang.-Luth. Kirche in Bayern heißt: "Mit den christlichen Kirchen in der Welt bekennt sie ihren Glauben an den Dreieinigen Gott … Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern steht mit der ganzen Christenheit unter dem Auftrag, Gottes Heil in Jesus Christus in der Welt zu bezeugen."

 

 

Chor aus Malaysia

"Ohne die Christinnen und Christen aus anderen Teilen der Welt und aus allen Konfessionen kann die ELKB nicht Kirche sein“ - hier im Bild ein Chor aus Malaysia

Bild: Gloël

Welche Schwerpunkte werden gesetzt?
Gloël: Geographisch liegen die Schwerpunkte bei den Partnerkirchen in Lateinamerika, Afrika, Papua-Neuguinea, Pazifik und Ostasien. Das sind Beziehungen, die über viele Jahrzehnte, im Einzelfall seit über 130 Jahren gewachsen sind und die von unserem Partnerschaftszentrum Mission EineWelt gestaltet werden. Weitere Schwerpunkte sind die Arbeit in Osteuropa und im Nahen Osten, da vor allem im Nordirak.
    
Die Konzeption ist im Jahr 2006 das erste Mal veröffentlicht worden. Was hat sich in den letzten 20 Jahren verändert und wie werden diesbezüglich Beziehungen im 21. Jahrhundert gestaltet?
Gloël: Verändert hat sich in den letzten Jahren auch die Situation von Christen weltweit und hier bei uns in Bayern und Deutschland. Das Hauptgewicht der Verteilung der Kirchen liegt heute auf der Südhalbkugel. In der ökumenischen Diskussion bezeichnen wir dies als "shift of gravity". Das heißt aber nicht, dass die Kirchen der Südhalbkugel nicht auch Herausforderungen gegenüberstehen, die wir hier in Deutschland sehr gut kennen. Es gibt auch dort Traditionsabbrüche. Die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation ist ein weltweites Thema. Weitere Herausforderungen sind: das Zusammenleben verschiedener Religionen und die Zusammenarbeit mit vielen zivilgesellschaftlichen Akteuren, neue Abgrenzungen durch Ideologisierung und Nationalsimen oder Radikalisierung und Terror – um nur einige wenige Themen zu nennen – bestimmen nicht nur die Debatten im Norden, sondern sind globale Herausforderungen.

Gleichzeitig wird christliches Leben in unseren Gesellschaften in Europa durch Migration pluraler. Allein in Bayern gibt es über 300 Gemeinden unterschiedlicher Sprache und Herkunft evangelischer Prägung. In unserer Kirche sind bereits heute 20 Prozent der Kirchenmitglieder nichtdeutscher Herkunft. Das sind zunehmende Herausforderungen für die Gemeindeentwicklung, aber auch das ökumenische Miteinander.

Uns als Kirche wird das zwar erst nach und nach bewusst. Es ist aber nicht wirklich neu, sondern es hat wesentlich mit unserem Selbstverständnis zu tun; denn: „Ohne die Christinnen und Christen aus anderen Teilen der Welt und aus allen Konfessionen kann die ELKB nicht Kirche sein“ (Einleitung zu Abschnitt 3 der Konzeption, S.14 unter der Überschrift „Communio als eine Vision von Kirche“).

Buchempfehlung

Cover des Buches Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern/ Abteilung C Ökumene und Kirchliches Leben: Konzeption der Außenbeziehungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern/ Abteilung C Ökumene und Kirchliches Leben

Konzeption der Außenbeziehungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Ein Beitrag zur weltweiten Communio.

Völlig überarbeitete Fassung der im Jahr 2006 erschienenen Konzeption der Außenbeziehungen der ELKB. Neben den 20 weltweiten Partnerschaften werden auch die vielfältigen ökumenischen Beziehungen auf der lokalen, regionalen und weltweiten Ebene beschrieben. Völlig neu ist, dass mit dieser Konzeption auch Themen vorgelegt werden, die mit den weltweiten Partnern und den ökumenischen Beziehungen vertieft werden können.

Gloël: Welche Themen sind in der Konzeption neu dazugekommen?
In dieser Konzeption werden Themen vertieft und ausgeführt, die die vier Mandate des Ökumenereferats umfassen:  Mission - Entwicklung - Partnerschaft - Ökumene. Diese vier Kapitel sind sozusagen exemplarische Querschnittsthemen, die uns über die Kontinente hinweg verbinden. Und sie sind neben der wichtigen Beschreibung, Definition und Bewertung der Beziehungen, eine notwendige Neuerung der hier vorgelegten Konzeption. Ich möchte versuchen ihnen im Folgenden hierzu eine paar Schlaglichter aufzuzeigen:

1. Kapitel Mission und Interreligiöser Dialog

Das Kapitel Mission und Interreligiöser Dialog macht deutlich, dass es ein grundlegender Wesenszug des gemeinsamen Unterwegs-Seins als Christinnen und Christen ist, Menschen anderer Kulturen und Religionen zu begegnen. Wir erleben weltweit und auch in unserer Kirche eine immer größere kulturelle und religiöse Vielfalt. Auch für unsere Partnerkirchen, die oft in religiösen Minderheitssituationen leben, ist dies eine Lebensrealität. Für sie ist Dialog nicht nur eine theologische Grundaufgabe, sondern eine Überlebensstrategie. Dialog wird geführt aus dem Bewusstsein des eigenen Glaubens heraus – als Vorgang gegenseitigen Verstehens und Ermutigens (so auch das Dialogverständnis des ÖRK, zit. in der Konzeption Interreligiöser Dialog der ELKB 2016, S. 6).
 
Das Kapitel zeigt an sehr praktischen Beispielen, was Mission und Dialog in verschiedenen Kontexten heißt, und wie wir hier in verschiedenen Kontexten gemeinsam gestaltend und voneinander lernend unterwegs sind.  

 

2. Kapitel Gerechtigkeit und Entwicklung

Das Kapitel Gerechtigkeit und Entwicklung macht deutlich, dass der Glaube von Juden und Christen ohne das Thema Gerechtigkeit nicht zu denken ist. Konkret äußerte sich das seit die EKD-Synode in Spandau, im Jahr 1968 eine Bereitstellung von sogenannten KED-Mitteln empfohlen hat. 5 Prozent der Kirchensteuermittel werden seither für die Arbeit des kirchlichen Entwicklungsdienstes aufgewandt. Dabei hat die Kirche nicht nur die Aufgabe der Analyse und Bekämpfung der Ursachen für Armut, Menschenrechtsverletzungen und Ungerechtigkeit, sondern sie hat dazu auch eine große Chance.

Dies wird uns gerade von politischer Seite seit einigen Jahren sehr deutlich ins Stammbuch geschrieben. Ich denke da an die von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller ins Leben gerufene Initiative und Diskussion zur Rolle der Religionen in der Entwicklungszusammenarbeit. Oder an die vom Lutherischen Weltbund und der UN ausgerufene Kampagne mit dem Titel: Waking the Giant. Hier geht es darum, dass wir als Kirchen unsere Rolle und Möglichkeiten bei der Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) entdecken und wahrnehmen. Auf der Ebene der ELKB können hier unsere weltweiten Außen- und Partnerbeziehungen eine wichtige Rolle spielen. Sie sind das Praxis-Feld, auf dem wir einüben und umsetzen können, was wir theoretisch beschreiben.

3. Kapitel Gemeinde und Kirche in Gesellschaft

DasKapitel Gemeinde und Kirche in Gesellschaft beschreibt, wie in den Partnerkirchen und in der ELKB der diakonische, missionarische, gesellschaftspolitische und seelsorgerliche Auftrag der Kirche sehr unterschiedlich umgesetzt wird. Dies geschieht anhand von 8 Konkretionen. Aus den Bereichen der religiösen Bildung, der Jugendarbeit und des Jugendaustausches oder anhand des Stichwortes Fresh Expressions – um nur ein paar zu nennen. All diese Beispiele aus der Praxis machen deutlich wie wichtig ein weltweiter Austausch und gerade im Blick auf die Fragen von Gemeindeentwicklung und der Rolle der Kirche in der Gesellschaft ist.

4. Kapitel Ökumene in Vielfalt und Einheit

Das 4. und letzte Themenkapitel ist überschrieben mit Ökumene in Vielfalt und Einheit Es bezieht sich auf die Konzeption der konfessionellen Ökumene der ELKB von 2009 wenn festgestellt wird, dass die ELKB von ihrem Wesen her ökumenisch ist. Deshalb kann die Frage nicht sein, ob wir mit anderen Kirchen in Beziehung treten, sondern wie wir diese von Christus vorgegebene Beziehung leben und gestalten. Sei es nun mit Partnern aus der lutherischen Welt-Familie, in ökumenischen Beziehungen oder globalen und lokalen Netzwerken.

All diese Themenfelder, sowie die Konzeption als ganze machen deutlich: Keine Organisation in der Welt hat so alte und vertiefte Erfahrungen mit der Globalisierung im Sinne des Wortes wie wir als Kirche.

Mehr zum Thema

Wie wird diese Konzeption nun praktisch „gelebt“, wer kümmert sich in der Landeskirche?
Gloël: Ganz wesentlich zuständig für die Außenbeziehungen ist das Centrum Mission EineWelt in Neuendettelsau: In den Referaten für Lateinamerika, Afrika und Papua-Neuguinea / Pazifik / Ostasien werden die jeweiligen Beziehungen gepflegt – ganz im Sinne eines „walking side by side“ wie ein ehem. Bischof aus Papua-Neuguinea einmal so treffend sagte. Konkret heißt das Personalaustausch (vor allem Pfarrerinnen und Pfarrer) und Entsendung von Freiwilligen in beide Richtungen. Vertieft, reflektiert und in unsere Kirchengemeinden und Kreise hinein vermittelt werden diese Beziehungen durch die Referate "Partnerschaft & Gemeinde", "Entwicklung & Politik" sowie "Mission Interkulturell". Vom Landeskirchenamt aus werden die Beziehungen zu Partnerkirchen in Europa sowie zu Partnern im Mittleren Osten gestaltet.


Mit welchen Themen sollen sich Kirchengemeinden, Ökumene-Beauftragte etc. Ihrer Meinung nach in 2020 vordringlich beschäftigen?
Gloël: "Erlösung – für Geld nicht zu haben!" - Das klingt erst mal sperrig, ist aber ein zentrales Thema unseres Glaubens und in 2020 das Thema der Kampagne von Mission EineWelt; dort behandelt man unter der Überschrift "Not for Sale" in den 3 Jahren nach dem Reformationsjubiläum 2017 die Themen Mensch, Schöpfung und Erlösung – in Anlehnung an das Motto des Lutherischen Weltbunds zum Reformationsjubiläum: „Befreit durch Gottes Gnade“.


28.07.2020 / ELKB/Gloël